EP103; 125 x 198 cm; Öl auf Aluminium; 2016; Foto: Annette Kradisch

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EP96; 125 x 255 cm; Öl auf Aluminium; 2016; Foto: Annette Kradisch

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EP94; 125 x 198 cm; Öl auf Aluminium; 2015; Privatsammlung Nürnberg; Foto: Annette Kradisch

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EP84; 35,2 x 62,7 cm; Öl auf Aluminium (oil on aluminium); 2013; courtesy Oechsner Galerie Nürnberg; Foto: Annette Kradisch

Kontext
EP84 (nach Andrei Tarkowskis „Solaris“) Schon seit längerer Zeit bin ich auf der Suche nach Bildern vom Unanschaulichen. Das heißt nach bildhaften Metaphern für Prozesse und Vorgänge die wir weder sehen, noch irgendwie sonst durch unsere Sinne erfahren könnten. Die aber absolut entscheidend dafür sind, dass wir existieren und dass überhaupt etwas ist und nicht nichts. Meine ganze Zeichentheorie beruht auf dieser Vorstellung. Besonders faszinierend dabei sind Neutrinos, kleinste ungeladene Teilchen die beispielsweise in der Sonne entstehen und die permanent durch uns hindurch fließen ohne eine Spur zu hinterlassen. Die Wissenschaft hat es in den letzten Jahrzehnten geschafft Detektoren zu bauen, die diese Teilchen, ihre Eigenschaften und ihre Herkunft nachweisbar machen.    Interessanterweise ist auch in dem Tarkowski– Film Solaris von diesen Teilchen die Rede. Die Besatzung eines Raumschiffes in der Umlaufbahn des Planeten, wird mit spontan auftauchenden Personen konfrontiert, die sich als Materialisationen aus dem Unterbewusstsein der betroffenen herausstellen. Diese „Mitbewohner“ bestehen ausschließlich aus Neutrinos, so die Analyse im Film und der Grund warum ich gerade aus diesem Streifen ein Motiv für eine malerische Umsetzung ausgewählt habe.      Bei dem Standbild, das mir als Vorlage diente, betrachtet gerade der Protagonist Kris Kelvin (dunkler Fleck unten rechts) einen Film, auf dem links im Bild Giberian und rechts von ihm die Materialisation aus seinem Unterbewusstsein zu sehen ist. Die Pinselstriche auf meinem Bild, die deutlich zu unterscheiden und wie Bausteine in elliptischen Kurven angeordnet sind haben alle eine dunkle und eine helle Kante. Durch eine Verschiebung des Helligkeitswerts ist es möglich Graustufen zu modulieren und somit ein ganzes Bild anzulegen. Auch bei der Analyse von Neutrinos ist es möglich durch entsprechende Unterschiede dieser Teilchen, Erkenntnisse über Vorgänge zu erhalten, die sich in ein Gesamtbild fügen. Die große Schwierigkeit bei der wissenschaftlichen Betrachtung wie auch bei der Betrachtung meines Bildes ist, dass nur sehr schemenhaft und mit viel Vorstellungs-vermögen überhaupt etwas zu erkenne ist. Im Vordergrund steht in beiden Fällen die Ästhetik und Poesie der Struktur die bei meinem Bild eine optische und bei den Neutrinos eine mathematisch physikalische ist. Gerhard Mayer
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EP49; 125 x 255 cm; Öl auf Aluminium (oil on aluminium); 2012; Courtesy Oechsner Galerie Nürnberg; Foto Annette Kradisch

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EP58; 125 x 255 cm; Öl auf Aluminium (oil on aluminium); 2012; Privatsammlung Fürth; Foto: Annette Kradisch

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EP37; 150 x 305 cm; Öl auf aluminium (oil on aluminium), 2011; Hypovereinsbank Müchen; Foto: Annette Kradisch

Kontext
Gerhard Mayer: Elliptical Paintings Nicht, weil er das Potential seiner elliptischen Zeichnungen schon ausgeschöpft hätte, sondern aus dem Bedürfnis heraus, das Spiel durch zusätzliche Parameter zu verkomplizieren, sich auf ein höheres Level zu katapultieren, hat Gerhard Mayer zum ersten Mal in seiner künstlerischen Karriere zum Pinsel und zur Ölfarbe gegriffen. Einiges ist geblieben, vor allem die Arbeit mit der elliptischen Schablone. Sie ist das Link zu seinen Zeichnungen, garantiert hier wie dort eine Objektivität der Form jenseits aller Hand- und Pinselschrift, öffnet den Bildraum und schafft eine geradezu atemberaubende Dynamik. Das Regelwerk, das sich der Zeichner auferlegt hatte, musste angepasst werden. Die Linien dürfen sich nun berühren und schneiden, ja mehr noch, sie füllen die ganze Fläche. Doch sind das überhaupt noch Linien? Gerhard Mayer nimmt mit dem Pinsel stets zwei unterschiedliche Farben auf, die beim Ziehen der Linien entlang der Schablonenkante so ineinander übergehen, dass sich ein plastischer Effekt einstellt. Wir sehen elegant geschwungene Stränge, wir nehmen ein wahlweise konkaves oder konvexes Relief wahr. Verglichen mit den Zeichnungen hat sich die Raumhaltigkeit potenziert. Der Illusionismus einiger dieser Bilder grenzt an die herrschende 3-D-Euphorie des Kinos. Virtuelle Räume scheinen sich zu öffnen, von Licht aus unterschiedlichsten Quellen durchflutet, das die Bühne des Bildes dramatisch ausleuchtet. Einige der Elemente strahlen aus sich heraus, andere werden von vorne, hinten oder von der Seite illuminiert. Zum Eindruck des Unwirklichen, Halluzinatorischen tragen wesentlich die Farben bei, die synthetisch und so unvertraut wirken, als kämen sie aus einer fernen Zukunft, Farben wie von einem anderen Planeten, nicht für die Augen von Menschen bestimmt. Gerhard Mayers Elliptictal Paintings setzen mit anderen Mitteln sein paradoxes Projekt fort, Bilder des Unanschaulichen zu schaffen. Bilder als Analogon zu dem, was sich im Mikro- wie Makrokosmos unseren Sinnen entzieht. Die Hybris dieses Unterfangens legt sich als Glanz über die Kunst von Gerhard Mayer. Thomas Heyden     
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EP47; 150 x 305 cm; Öl auf Aluminium (oil on aluminium); 2012; Privatsammlung Wien; Foto: Annette Kradisch

Kontext
Gerhard Mayer: Elliptical Paintings Nicht, weil er das Potential seiner elliptischen Zeichnungen schon ausgeschöpft hätte, sondern aus dem Bedürfnis heraus, das Spiel durch zusätzliche Parameter zu verkomplizieren, sich auf ein höheres Level zu katapultieren, hat Gerhard Mayer zum ersten Mal in seiner künstlerischen Karriere zum Pinsel und zur Ölfarbe gegriffen. Einiges ist geblieben, vor allem die Arbeit mit der elliptischen Schablone. Sie ist das Link zu seinen Zeichnungen, garantiert hier wie dort eine Objektivität der Form jenseits aller Hand- und Pinselschrift, öffnet den Bildraum und schafft eine geradezu atemberaubende Dynamik. Das Regelwerk, das sich der Zeichner auferlegt hatte, musste angepasst werden. Die Linien dürfen sich nun berühren und schneiden, ja mehr noch, sie füllen die ganze Fläche. Doch sind das überhaupt noch Linien? Gerhard Mayer nimmt mit dem Pinsel stets zwei unterschiedliche Farben auf, die beim Ziehen der Linien entlang der Schablonenkante so ineinander übergehen, dass sich ein plastischer Effekt einstellt. Wir sehen elegant geschwungene Stränge, wir nehmen ein wahlweise konkaves oder konvexes Relief wahr. Verglichen mit den Zeichnungen hat sich die Raumhaltigkeit potenziert. Der Illusionismus einiger dieser Bilder grenzt an die herrschende 3-D-Euphorie des Kinos. Virtuelle Räume scheinen sich zu öffnen, von Licht aus unterschiedlichsten Quellen durchflutet, das die Bühne des Bildes dramatisch ausleuchtet. Einige der Elemente strahlen aus sich heraus, andere werden von vorne, hinten oder von der Seite illuminiert. Zum Eindruck des Unwirklichen, Halluzinatorischen tragen wesentlich die Farben bei, die synthetisch und so unvertraut wirken, als kämen sie aus einer fernen Zukunft, Farben wie von einem anderen Planeten, nicht für die Augen von Menschen bestimmt. Gerhard Mayers Elliptictal Paintings setzen mit anderen Mitteln sein paradoxes Projekt fort, Bilder des Unanschaulichen zu schaffen. Bilder als Analogon zu dem, was sich im Mikro- wie Makrokosmos unseren Sinnen entzieht. Die Hybris dieses Unterfangens legt sich als Glanz über die Kunst von Gerhard Mayer. Thomas Heyden     
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EP61; 125 x 255 cm; Öl auf Aluminium (oil on aluminium); 2012; Sammlung Defet, Neues Museum Nürnberg; Foto: Annette Kradisch

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EP68; 125 x 255 cm; Öl auf Aluminium (oil on aluminium); 2013; GVB München; Foto: Annette Kradisch

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EP85; 125 x 255 cm; Öl auf Aluminium (oil on aluminium); 2013; Privatsammlung Nürnberg; Foto: Annette Kradisch

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EP92; 255 x 500 cm; Öl auf Aluminium (oil on aluminium); 2015; Münster, Heilsbronn; Foto: Annette Kradisch

Kontext

Zum Gemälde: 1010 / 122

1010 / 122 ist der Titel der Arbeit.  An dieser Stelle ist eine kurze Einführung  in die Wissenschaft der Quantentheorie unumgänglich. Sie ist wissenschaftlich hinterfragbar und nicht bewiesen – künstlerisch für Gerhard Mayer aber hoch interessant: Stellen wir uns einmal vor, wir leben in einem unendlichen Universum. Dieses Universum hat einen Durchmesser von knapp 90 Milliarden Lichtjahren. Das ist unvorstellbar viel. Aber das Universum ist unendlich groß und es wird dort noch jede Menge anderer solcher Universen geben, alle mit ihrer eigenen kosmischen Begrenztheit, die unabhängig voneinander existieren. Man könnte das Universum in gleich große Bereiche einteilen, die zum Beispiel alle 90 Milliarden Lichtjahre groß sind (und in der Mitte eines solchen Bereichs befinden wir uns). In jedem dieser Bereiche befindet sich Materie und diese Materie wird auf eine ganz bestimmte Art und Weise angeordnet sein.

Formularende

Wie viele Möglichkeiten gibt es, diese Materie anzuordnen? Unendlich viele? Nein. Es gibt zwar eine ungeheuerlich große Menge Materie, aber die Elementarteilchen können nicht beliebige Positionen einnehmen. Hier gilt die Unschärferelation der Quantenmechanik, die besagt, dass die relevanten Parameter nicht genau zu messen sind. Der Auflösung sind Grenzen gesetzt und deshalb kann es auch nur endlich viele Möglichkeiten geben, wie Materie in einem begrenzten Raum geordnet ist. Und diese Zahl der Möglichkeiten ist immer noch wahnsinnig hoch, so hat es der Wissenschaftler Brian Greene (Columbia University) errechnet – es sind 1010 / 122 verschiedene Kombinationen möglich. Diese Zahl ist so groß, dass man sie nicht wirklich veranschaulichen kann – es gibt keine benennbare Zahl für die Menge ihrer Nullen... Im Vergleich mit der Unendlichkeit ist sie immer noch nichts. Wenn also nur endlich viele Kombinationen möglich sind und das Universum unendlich groß ist: dann muss es irgendwann zu Wiederholungen kommen. Irgendwo in diesem unendlichen Universum muss es also einen Bereich geben, in der die Materie genau so angeordnet ist wie hier bei uns. Unsere Galaxie, unsere Sonne, unsere Erde – jeder einzelne von uns wäre dort genauso vorhanden wie hier und würde das gleiche denken, tun und fühlen ….  Es muss dann sogar unendlich viele solcher exakten Kopien geben. Und jede Menge Variationen…  In solchen Parallelwelten geht Gerhard Mayer gerne spazieren – und sie prägen sein bildnerisches Denken.

Bei dem Gemälde 1010 / 122 gibt es kein strenges Regelwerk, wie anderswo in Mayers Arbeiten – nur eine Vorgabe: die Schablone in Form einer Ellipse. „Kunst ist nur insofern etwas wert, wenn sie einen deutlichen Begriff unseres großen Zusammenhanges mit Gott gibt.“ sagt Philipp Otto Runge. Seine ihm selbst gestellte Aufgabe bestand darin, Mittel zu finden, wie das Ganze der von Gott geschaffenen Natur (nicht nur ein Ausschnitt von Natur) in Einem Bild darzustellen sei. Wie viele Möglichkeiten gibt es, das Ganze darzustellen? Unendlich viele? Eine Methode bei Runge war die Anwendung elliptischer und elliptoider Formen in seinen Kompositionsschemata in Rückgriff auf Schleiermacher. Für Schleiermacher war die Ellipse die „graphische Veranschaulichung des ethischen Kalküls“. Runge hat die Ellipse verwendet wegen ihrer zwei Brennpunkte, die für die Polarisierung von Gut und Böse, von Vergangenheit und Gegenwart, von alles und nichts stehen könnten. Entscheidend jedoch ist das, was zwischen den Brennpunkten passiert – für Runge ein Bild der Gegenwart. Ein Zwischenraum zwischen alles und nichts. Ein zu gestaltender gegenwärtiger Raum zwischen Vergangenheit und Zukunft. Gerhard Mayer würde sagen: Ein Raum, der mit unendlich vielen begrenzten Möglichkeiten aus Licht, Farbe, Form und Klang zu gestalten ist.

 

Helmut Braun M.A., Kirchenrat

Kunstreferent der Evang.-Luth. Kirche in Bayern


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EP92; 255 x 500 cm; Öl auf Aluminium (oil on aluminium); 2015; Münster, Heilsbronn; Foto: Annette Kradisch

Kontext

Zum Gemälde: 1010 / 122

1010 / 122 ist der Titel der Arbeit.  An dieser Stelle ist eine kurze Einführung  in die Wissenschaft der Quantentheorie unumgänglich. Sie ist wissenschaftlich hinterfragbar und nicht bewiesen – künstlerisch für Gerhard Mayer aber hoch interessant: Stellen wir uns einmal vor, wir leben in einem unendlichen Universum. Dieses Universum hat einen Durchmesser von knapp 90 Milliarden Lichtjahren. Das ist unvorstellbar viel. Aber das Universum ist unendlich groß und es wird dort noch jede Menge anderer solcher Universen geben, alle mit ihrer eigenen kosmischen Begrenztheit, die unabhängig voneinander existieren. Man könnte das Universum in gleich große Bereiche einteilen, die zum Beispiel alle 90 Milliarden Lichtjahre groß sind (und in der Mitte eines solchen Bereichs befinden wir uns). In jedem dieser Bereiche befindet sich Materie und diese Materie wird auf eine ganz bestimmte Art und Weise angeordnet sein.

Formularende

Wie viele Möglichkeiten gibt es, diese Materie anzuordnen? Unendlich viele? Nein. Es gibt zwar eine ungeheuerlich große Menge Materie, aber die Elementarteilchen können nicht beliebige Positionen einnehmen. Hier gilt die Unschärferelation der Quantenmechanik, die besagt, dass die relevanten Parameter nicht genau zu messen sind. Der Auflösung sind Grenzen gesetzt und deshalb kann es auch nur endlich viele Möglichkeiten geben, wie Materie in einem begrenzten Raum geordnet ist. Und diese Zahl der Möglichkeiten ist immer noch wahnsinnig hoch, so hat es der Wissenschaftler Brian Greene (Columbia University) errechnet – es sind 1010 / 122 verschiedene Kombinationen möglich. Diese Zahl ist so groß, dass man sie nicht wirklich veranschaulichen kann – es gibt keine benennbare Zahl für die Menge ihrer Nullen... Im Vergleich mit der Unendlichkeit ist sie immer noch nichts. Wenn also nur endlich viele Kombinationen möglich sind und das Universum unendlich groß ist: dann muss es irgendwann zu Wiederholungen kommen. Irgendwo in diesem unendlichen Universum muss es also einen Bereich geben, in der die Materie genau so angeordnet ist wie hier bei uns. Unsere Galaxie, unsere Sonne, unsere Erde – jeder einzelne von uns wäre dort genauso vorhanden wie hier und würde das gleiche denken, tun und fühlen ….  Es muss dann sogar unendlich viele solcher exakten Kopien geben. Und jede Menge Variationen…  In solchen Parallelwelten geht Gerhard Mayer gerne spazieren – und sie prägen sein bildnerisches Denken.

Bei dem Gemälde 1010 / 122 gibt es kein strenges Regelwerk, wie anderswo in Mayers Arbeiten – nur eine Vorgabe: die Schablone in Form einer Ellipse. „Kunst ist nur insofern etwas wert, wenn sie einen deutlichen Begriff unseres großen Zusammenhanges mit Gott gibt.“ sagt Philipp Otto Runge. Seine ihm selbst gestellte Aufgabe bestand darin, Mittel zu finden, wie das Ganze der von Gott geschaffenen Natur (nicht nur ein Ausschnitt von Natur) in Einem Bild darzustellen sei. Wie viele Möglichkeiten gibt es, das Ganze darzustellen? Unendlich viele? Eine Methode bei Runge war die Anwendung elliptischer und elliptoider Formen in seinen Kompositionsschemata in Rückgriff auf Schleiermacher. Für Schleiermacher war die Ellipse die „graphische Veranschaulichung des ethischen Kalküls“. Runge hat die Ellipse verwendet wegen ihrer zwei Brennpunkte, die für die Polarisierung von Gut und Böse, von Vergangenheit und Gegenwart, von alles und nichts stehen könnten. Entscheidend jedoch ist das, was zwischen den Brennpunkten passiert – für Runge ein Bild der Gegenwart. Ein Zwischenraum zwischen alles und nichts. Ein zu gestaltender gegenwärtiger Raum zwischen Vergangenheit und Zukunft. Gerhard Mayer würde sagen: Ein Raum, der mit unendlich vielen begrenzten Möglichkeiten aus Licht, Farbe, Form und Klang zu gestalten ist.

 

Helmut Braun M.A., Kirchenrat

Kunstreferent der Evang.-Luth. Kirche in Bayern



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EP92; Ausschnitt; 255 x 500 cm; Öl auf Aluminium (oil on aluminium); 2015; Münster, Heilsbronn; Foto: Annette Kradisch

Kontext

Zum Gemälde: 1010 / 122

1010 / 122 ist der Titel der Arbeit.  An dieser Stelle ist eine kurze Einführung  in die Wissenschaft der Quantentheorie unumgänglich. Sie ist wissenschaftlich hinterfragbar und nicht bewiesen – künstlerisch für Gerhard Mayer aber hoch interessant: Stellen wir uns einmal vor, wir leben in einem unendlichen Universum. Dieses Universum hat einen Durchmesser von knapp 90 Milliarden Lichtjahren. Das ist unvorstellbar viel. Aber das Universum ist unendlich groß und es wird dort noch jede Menge anderer solcher Universen geben, alle mit ihrer eigenen kosmischen Begrenztheit, die unabhängig voneinander existieren. Man könnte das Universum in gleich große Bereiche einteilen, die zum Beispiel alle 90 Milliarden Lichtjahre groß sind (und in der Mitte eines solchen Bereichs befinden wir uns). In jedem dieser Bereiche befindet sich Materie und diese Materie wird auf eine ganz bestimmte Art und Weise angeordnet sein.

Formularende

Wie viele Möglichkeiten gibt es, diese Materie anzuordnen? Unendlich viele? Nein. Es gibt zwar eine ungeheuerlich große Menge Materie, aber die Elementarteilchen können nicht beliebige Positionen einnehmen. Hier gilt die Unschärferelation der Quantenmechanik, die besagt, dass die relevanten Parameter nicht genau zu messen sind. Der Auflösung sind Grenzen gesetzt und deshalb kann es auch nur endlich viele Möglichkeiten geben, wie Materie in einem begrenzten Raum geordnet ist. Und diese Zahl der Möglichkeiten ist immer noch wahnsinnig hoch, so hat es der Wissenschaftler Brian Greene (Columbia University) errechnet – es sind 1010 / 122 verschiedene Kombinationen möglich. Diese Zahl ist so groß, dass man sie nicht wirklich veranschaulichen kann – es gibt keine benennbare Zahl für die Menge ihrer Nullen... Im Vergleich mit der Unendlichkeit ist sie immer noch nichts. Wenn also nur endlich viele Kombinationen möglich sind und das Universum unendlich groß ist: dann muss es irgendwann zu Wiederholungen kommen. Irgendwo in diesem unendlichen Universum muss es also einen Bereich geben, in der die Materie genau so angeordnet ist wie hier bei uns. Unsere Galaxie, unsere Sonne, unsere Erde – jeder einzelne von uns wäre dort genauso vorhanden wie hier und würde das gleiche denken, tun und fühlen ….  Es muss dann sogar unendlich viele solcher exakten Kopien geben. Und jede Menge Variationen…  In solchen Parallelwelten geht Gerhard Mayer gerne spazieren – und sie prägen sein bildnerisches Denken.

Bei dem Gemälde 1010 / 122 gibt es kein strenges Regelwerk, wie anderswo in Mayers Arbeiten – nur eine Vorgabe: die Schablone in Form einer Ellipse. „Kunst ist nur insofern etwas wert, wenn sie einen deutlichen Begriff unseres großen Zusammenhanges mit Gott gibt.“ sagt Philipp Otto Runge. Seine ihm selbst gestellte Aufgabe bestand darin, Mittel zu finden, wie das Ganze der von Gott geschaffenen Natur (nicht nur ein Ausschnitt von Natur) in Einem Bild darzustellen sei. Wie viele Möglichkeiten gibt es, das Ganze darzustellen? Unendlich viele? Eine Methode bei Runge war die Anwendung elliptischer und elliptoider Formen in seinen Kompositionsschemata in Rückgriff auf Schleiermacher. Für Schleiermacher war die Ellipse die „graphische Veranschaulichung des ethischen Kalküls“. Runge hat die Ellipse verwendet wegen ihrer zwei Brennpunkte, die für die Polarisierung von Gut und Böse, von Vergangenheit und Gegenwart, von alles und nichts stehen könnten. Entscheidend jedoch ist das, was zwischen den Brennpunkten passiert – für Runge ein Bild der Gegenwart. Ein Zwischenraum zwischen alles und nichts. Ein zu gestaltender gegenwärtiger Raum zwischen Vergangenheit und Zukunft. Gerhard Mayer würde sagen: Ein Raum, der mit unendlich vielen begrenzten Möglichkeiten aus Licht, Farbe, Form und Klang zu gestalten ist.

 

Helmut Braun M.A., Kirchenrat

Kunstreferent der Evang.-Luth. Kirche in Bayern



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EP40; 125 x 255 cm; Öl auf Aluminium (oil on aluminium); 2012; Courtesy Oechsner Galerie Nürnberg; Foto: Annette Kradisch

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EP105; 150 x 109,5 cm; Öl auf Aluminium (oil on aluminium); 2016; Foto: Annette Kradisch

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EP97; 87 x 57,5 cm; Öl auf Aluminium (oil on aluminium); 2016; Foto: Annette Kradisch

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EP44; 35,2 x 62,7 cm; Öl auf Aluminium (oil on aluminium); 2012; Sammlung Velia Wortmann Nürnberg; Foto: Annette Kradisch

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EP67; 35,2 x 62,7 cm; Öl auf Aluminium (oil on aluminium); 2013; Privatbesitz Nürnberg; Foto: Annette Kradisch

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EP63; 35,2 x 64,5 cm; Öl auf Aluminium (oil on aluminium); 2013; Privatbesitz Nürnberg; Foto: Annette Kradisch

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EP79; 35,2 x 62,7 cm; Öl auf Aluminium (oil on aluminium); 2013; GVB München; Foto: Annette Kradisch

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EP27; 34,3 x 43,4 cm; Öl auf Aluminium (oil on aluminium); 2010; Coutesy Oechsner Galerie Nürnberg; Foto Annette Kradisch

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EP45; 35,2 x 62,7 cm; Öl auf Aluminium (oil on aluminium); 2012; Privatbesitz Karlsruhe; Foto: Annette Kradisch

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EP52; 35,2 x 62,7 cm; Öl auf Aluminium (oil on aluminium); 2012; Courtesy Oechsner Galerie Nürnberg; Foto: Annette Ktadisch

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